Mittwoch, 4. Oktober 2017

Geopolitik im Mittleren Osten und Asien: Ein Wechsel der Militärbündnisse?

Von Prof. Michel Chossudovsky
Übersetzt von wunderhaft


29. September 2017, Global Research
Derzeit ereignet sich ein grundlegender Wandel er geopolitischen Bündnisse, der dazu tendiert die Vormachtstellung der Vereinigten Staaten in der erweiterten Region des Mittleren Ostens und Zentralasiens sowie in Südasien zu unterminieren.

Einige der treuesten Verbündeten Amerikas haben "die Seiten gewechselt". Sowohl die NATO als auch der Golf-Kooperationsrat* (GCC) befinden sich in der Krise.

 

Die Türkei und die NATO


Die NATO ist von tief greifenden Spaltungen geprägt, die weitgehend aus Ankaras Konfrontation mit Washington resultieren.

Die Türkei – ein Schwergewicht der NATO – bekämpft derzeit von den Vereinigten Staaten unterstützte kurdische Rebellen im Nordirak, was bedeutet, daß die VS, als NATO-Mitglied, kurdische Rebellen unterstützt, die gegen ein NATO-Mitglied kämpfen.

Während die Türkei formell als NATO-Mitglied – welches über ein integriertes und koordiniertes Flugabwehrsystem verfügt – verbleibt, hat die Erdogan-Regierung das russische Luftabwehrsystem S400 erworben, welches dazu gedacht ist gegen die kurdischen Stellvertreter Amerikas in Nordsyriren eingesetzt zu werden.

Ein NATO-Mitgliedstaat benutzt nun das Flugabwehrsystem eines Feindes der US-NATO gegen von der US-Nato unterstützte Rebellen.

Mit dem Ausblick letztlich Teile syrischen Territoriums zu annektieren, hat die Türkei wiederum Truppen nach Nordsyrien verlegt. Im Gegenzug haben Moskau und Ankara ein Vorteilsbündnis gegründet.

Israel ist ein fester Unterstützer der Gründung eines kurdischen Staates im Irak und Nordsyrien, was als Sprungbrett für die Errichtung Großisraels betrachtet wird. Tel Aviv erwägt die Umsiedlung von 200.000 jüdischen ethnischen Kurden in die kurdische Region des Irak.

Dies wiederum bring die militärische Kooperation zwischen der Türkei und Israels in Gefahr. Unnötig zu erwähnen, daß diese Entwicklungen zu einer Stärkung der VS-israelischen Militärkooperation geführt haben, einschließlich der Errichtung eines Militärstützpunkts der VS in Israel.

In der Zwischenzeit hat die Türkei engere Verbindungen zum Iran aufgebaut, was ultimativ zur Unterminierung der US-NATO-Strategien im breiteren Mittleren Osten beiträgt.

Der neue Mittlere Osten


Washingtons Strategie besteht in der Destabilisierung und Schwächung der regionalen Wirtschaftsmächte im Mittleren Osten, einschließlich der Türkei und des Iran. Diese Politik wird auch von einem Prozeß der politischen Fragmentierung begleitet (Siehe die folgende Karte).

Seit dem Golf-Krieg (1991) hat das Pentagon die Schaffung eines "Freien Kurdistan" erwogen, was die Annexion von Teilen des Irak, des Iran sowie der Türkei beinhalten würde (siehe die Karte der Militärakademie unten).

Wird die Türkei, unter diesen Umständen, der NATO weiterhin als aktives Mitglied angehören?

Ralph Peters Karte: The Project for the New Middle East

Katar und Saudi-Arabien


Saudi-Arabiens Wirtschaftsblockade gegen Katar hat zu einem Riß in den geopolitischen Bündnissen geführt, welcher der Schwächung der Vereinigten Staaten am Persischen Golf gedient hat.

Der Golf-Kooperationsrat (GCC) ist, durch das gegen Katar gerichtete Bündnis zwischen den Vereinigten Arabischen Emiraten und Saudi-Arabiens, tief gespalten. Im Gegenzug hat Katar die Unterstützung von Oman und Kuwait. Unnötig zu erwähnen, daß der GCC, der bisher Amerikas stärkster Verbündete im Mittleren Osten gegen den Iran war, sich in völliger Unordnung befindet.

Obwohl sich der größte Militärstützpunkt der Vereinigten Staaten im Mittleren Osten in Katar befindet, pflegt die Regierung Katars enge Verbindungen zum Iran. Außerdem kam ihr Teheran unmittelbar nach der saudischen Blockade zu Hilfe.

Während sich das Hauptquartier des Zentralkommando der Vereinigten Staaten* (USCENTCOM) auf einem Militärstützpunkt außerhalb Dohas* befindet, ist der Iran der Hauptpartner der Erdöl- und Gasindustrie Katars, einschließlich des Baus von Pipelines. Sowohl Rußland als auch China sind wiederum aktiv an der Öl- und Gasindustrie in Katar beteiligt.

Iran und Katar arbeiten bei der Förderung von gemeinsam genutzten maritimen Erdgasfeldern aktiv zusammen. Diese maritimen Erdgasfelder sind von strategischer Bedeutung, da es sich hierbei um das weltweit größte, am Persischen Golf gelegene Erdgasvorkommen handelt.



Mit anderen Worten hat Katar, während es aktiv mit dem Iran kooperiert, eine Vereinbarung mit über die militärische Kooperation mit den Vereinigten Staaten, die praktisch gegen den Iran gerichtet ist. Das in Katar stationierte Zentralkommando der Vereinigten Staaten ist für Militäroperationen gegen Feinde der der US-NATO, einschließlich des Iran, verantwortlich, welcher Hauptpartner von Katar in der Öl- und Gasindustrie ist. Die Struktur dieser sich überschneidenden Bündnisse ist widersprüchlich. Werden die Vereinigten Staaten versuchen in Katar einen Regimewechsel herbeizuführen?

In der Zwischenzeit hat die Türkei einen Militärstützpunkt in Katar errichtet.

Diese neue Ausrichtung hat auch einen direkten Einfluß auf die Routen der Öl- und Gaspipelines. Katar hat das Pipelineprojekt durch Saudi-Arabien und Jordanien (das ursprünglich von der Türkei finanziert worden ist) zu Gunsten der der von Rußland unterstützten, von Assaluyeh ausgehenden und durch Iran und Irak führenden Pipeline aufgegeben

Rußlands geopolitische Kontrolle über die Gaspipelines nach Europa wurde als Resultat der saudischen Blockade gestärkt.


Im Gegenzug ist Katar auch gezwungen die Pipelinerouten, die den Iran durch dessen Hafen in Assaluyeh mit Pakistan und China verbinden zu integrieren.



Pakistan, Indien und die Shanghai Cooperation Organization (SCO)


Es hat sich ein ein weiterer großer Wandel in den geopolitischen Beziehungen vollzogen, der sowohl in Zentral- als auch in Südasien einen tiefen Einfluß auf die US-Hegemonie hat.

Am 9. Juni 2017 wurden Indien und Pakistan gleichzeitig Mitglieder der Shanghai Cooperation Organisation (SCO), der ökonomischen, politischen und gemeinsamen Sicherheitsorganisation, die weitgehend von China und Rußland dominiert wird. Unnötig zu erwähnen, daß die Mitgliedschaft von Indien und Pakistan in der SCO deren Verträge zur militärischen Zusammenarbeit mit den Vereinigten Staaten beeinträchtigt.

Während die in Beijing ansässige SCO kein offizielles "Militärbündnis" ist, fungiert sie gleichwohl als geopolitisches und strategischen "Gegengewicht" zur US-NATO und ihren Verbündeten. Im Verlauf der vergangenen Jahre, hat die SCO ihre militärische und geheimdienstliche Zusammenarbeit erweitert. Unter der Schirmherrschaft der SCO wurden Militärmanöver durchgeführt.

Mit Pakistan und Indien als Vollmitglieder umschließt die SCO nun eine weite Region, welche etwa die Hälfte der Weltbevölkerung umfaßt.

Der gleichzeitige Beitritt der beiden Länder als Vollmitglieder der SCO ist nicht nur symbolischer Natur, sondern markiert einen historischen Wandel der geopolitischen Ausrichtungen, die de facto auf der Struktur ökonomischer und militärischer Vereinbarungen beruht. Außerdem hat sie eine Bedeutung für den inneren Konflikt zwischen Indien und Pakistan, der bis auch die Unabhängigkeit dieser Länder zurückreicht.

Zweifellos beinhaltet dieser historische Wandel einen Hieb gegen Washington, das Verteidigungs- sowie Handelsabkommen mit Pakistan und auch Indien hat.

Während Indien fest mit Washington verbunden bleibt, wurde Amerikas Würgegriff auf Pakistan (durch militärische und geheimdienstliche Verträge) als Resultat von Pakistans Handels und Investitionsabkommen mit China geschwächt, ganz zu schweigen vom Beitritt sowohl Indiens als auch Pakistans zur SCO, was die bilaterale Beziehungen der beiden Länder ebenso begünstigt wie die zu Rußland, China und Zentralasien, auf Kosten ihrer historischen Beziehungen zu den Vereinigten Staaten.

Mit anderen Worten schwächt diese Erweiterung der SCO Amerikas hegemoniale Ambitionen sowohl in Südasien als auch im eurasischen Raum. Auch hat sie eine Bedeutung für die Routen von Energieleitungen, Transportkorridoren, Grenzen, die gegenseitige Sicherheit und das Seerecht.

Mit der Entwicklung von Pakistans bilateralen Beziehungen zu China, seit dem Jahr 2007, hat sich die Umklammerung  Pakistan durch die Vereinigten Staaten – die weitgehend sowohl auf der amerikanischen Militärpräsenz als auch auf Washingtons Beziehungen zum pakistanischen Geheimdienstestablishment beruhte – unumkehrbar geschwächt.

Pakistans Vollmitgliedschaft bei der SCO und seine Verbindungen nach China und dem Iran tragen zu einer Stärkung der Macht der Regierung in Islamabad bei.

Abschließende Bemerkungen


Die Geschichte sagt uns, daß die Struktur politischer Bündnisse grundlegend sind.

Derzeit entfaltet sich eine Reihe widersprüchlicher, sich überschneidender Koalitionen sowohl "mit" als auch "gegen" die Vereinigten Staaten.

Wir werden Zeugen eines Wandels der politischen und militärischen Bündnisse, wie zu einer weitgehenden Schwächung der Vorherrschaft der Vereinigten Staaten in Asien und dem Mittleren Osten beitragen.

Beabsichtigt die Türkei einen NATO-Austritt? Ihre bilateralen Beziehungen zu Washington sind gestört.

Währenddessen ist der Golfkooperationsrat (GCC), der Amerikas stärkster Verbündeter im Mittleren Osten war, nicht mehr funktionsfähig. Katar hat sich nicht nur am Iran ausgerichtet, sondern kooperiert aktiv mit Rußland.

Im Gegenzug sind die bilateralen Abkommen zur militärischen Zusammenarbeit sowohl mit Pakistan als auch mit Indien durch deren Beitritt zur SCO beeinträchtigt, was de facto ein von China und Rußland dominiertes Militärbündnis schafft.

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Michel Chossudovsky ist preisgekrönter Autor und emerierter Professor für Wirtschaftswissenschaften an der University of Ottawa, Gründer und Direktor des Centre for Research on Globalisation (CRG) in Montreal sowie der Herausgeber von Global Research. Als Gastprofessor hat er in Westeuropa, Südostasien, im Pazifischen Raum und in Lateinamerika gelehrt und war als Berater für verschiedene internationale Organisationen in Entwicklungsländern tätig. Er ist Autor von elf Büchern, einschließlich "The Globalization of Poverty", "The New World Order" (2003), America’s “War on Terrorism” (2005), "The Global Economic Crisis", "The Great Depression of the Twenty-first Century" (2009) (Herausgeber), "Towards a World War III Scenario: The Dangers of Nuclear War" (2011), "The Globalization of War", "America's Long War against Humanity" (2015). Er ist Beitragender der Encyclopaedia Britannica. Seine Texte wurden in über zwanzig Sprachen veröffentlicht. Im Jahr 2014 erhielt er die Goldmedaille für Verdienste um die Republik Serbien für seine Schriften über den Angriffskrieg der NATO gegen Jugoslawien.



Quelle: https://www.globalresearch.ca/shift-in-geopolitical-alliances/5611373


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